Überblick
Was Tourismusstatistiken über Nachfrage, Preise und Beschäftigung verraten
Tourismus ist statistisch keine eigene Branche, sondern eine Querschnittsaktivität: Hotels, Gaststätten, Verkehrsunternehmen, Reiseveranstalter und Freizeitanbieter leben zu unterschiedlichen Teilen von Reisenden. Die amtliche Statistik erfasst deshalb einzelne Bausteine. Die Beherbergungsstatistik zählt Ankünfte und Übernachtungen, die Gastgewerbestatistik misst Umsatz und Beschäftigung, und die Zahlungsbilanz der Bundesbank weist aus, was Reisende im Ausland ausgeben. Ein vollständiges Bild ergibt sich erst, wenn man diese Quellen zusammen liest und ihre unterschiedlichen Abgrenzungen kennt. Zusätzlich liefern Tourismus-Satellitenkonten eine Gesamtrechnung, die den Beitrag des Reisens zur Wertschöpfung schätzt, allerdings nur in größeren Abständen und mit erheblichem Modellanteil.
Bei den Übernachtungszahlen ist die Berichtsschwelle wichtig. Destatis erfasst gewerbliche Beherbergungsbetriebe erst ab einer bestimmten Zahl an Schlafgelegenheiten; kleine Pensionen und viele privat vermietete Ferienwohnungen fallen heraus. Übernachtungen, die über Online-Plattformen vermittelt werden, werden in europäischen Statistiken inzwischen gesondert ausgewiesen, sind aber nicht deckungsgleich mit der klassischen Beherbergungsstatistik. Wer Zahlen verschiedener Quellen addiert, riskiert daher Doppelzählungen oder Lücken. Auch Camping und Reisemobilstellplätze werden je nach Quelle unterschiedlich behandelt. Regionale Daten zu Reisegebieten veröffentlichen die Statistischen Landesämter, teils bis auf Gemeindeebene, sofern die Geheimhaltung einzelner Betriebe gewahrt bleibt.
In der Gastronomie ist der Unterschied zwischen nominalem und realem Umsatz zentral. Steigen die Speisen- und Getränkepreise stark, kann der nominale Umsatz wachsen, obwohl weniger Gäste kommen oder weniger bestellt wird. Destatis veröffentlicht deshalb beide Varianten, zusätzlich kalender- und saisonbereinigt. Hinzu kommen Sondereffekte wie Änderungen beim Mehrwertsteuersatz auf Speisen, die Preise und damit auch nominale Umsätze sprunghaft verschieben können, ohne dass sich das Gästeverhalten verändert hat. Bei der Beschäftigung ist zudem der hohe Anteil an Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten zu beachten: Eine steigende Zahl von Beschäftigten bedeutet nicht automatisch mehr geleistete Arbeitsstunden.
Das Reiseverhalten der Bevölkerung wird überwiegend durch Befragungen erhoben. Die Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen und die europäische Erhebung zum Reiseverhalten liefern Daten zu Reisezielen, Reisedauer und Ausgaben. Geschäftsreisen werden gesondert untersucht, etwa in der Geschäftsreiseanalyse des Verbands Deutsches Reisemanagement. Befragungsdaten unterliegen Stichprobenfehlern und Erinnerungseffekten, sind aber die einzige Quelle für Motive, Reiseformen und Buchungswege. Sie ergänzen daher die Betriebsdaten der amtlichen Statistik, ersetzen sie aber nicht.